Für die Erwachsenen: Gedanken zur Waldpädagogik - Baumwelt

Naturentfremdung und ihre Folgen

von Fred Hageneder
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Talkshow Precht mit dem Neurologen Prof. Gerald Hüther

Verschiedene Studien jüngerer Zeit belegen, daß der Aktionsradius der Kinder (die Entfernung von Zuhause, in der Kinder unbeaufsichtigt spielen dürfen) seit den 1970ern um 90 % geschrumpft ist. 81 % der Kinder geben durchaus an, sie würden gern mehr Zeit draußen verbringen, (1) aber 43 % der Erwachsenen meinen, Kinder unter 14 sollten überhaupt nicht unbeaufsichtigt draußen sein! (2) Über die Hälfte der Sieben- bis Zwölfjährigen sagt, dass es ihnen verboten ist, ohne Aufsicht auf einen Baum zu klettern oder im Park um die Ecke zu spielen. (3) (Diese Zahlen sind aus Großbritannien, aber die Verhältnisse im deutschsprachigen Raum sind leider durchaus vergleichbar.)

Diese Kinder kennen kaum noch die Freuden des Höhlebauens und Bäumekletterns, Fröschefangens und Drachensteigens wie noch viele ihrer Eltern und sicherlich ihrer Großeltern. Verschwunden ist die Freiheit des Herumstreunens unter freiem Himmel. Oder auch mal Langeweile zu erfahren, denn diese stimuliert die Fähigkeit, auch mal eigene Ideen zu entwickeln, um die Leere zu füllen.

Indem wir jede Aktivität unserer Kinder kontrollieren, sie von A nach B chauffieren, damit sie den Verpflichtungen ihres übervollen Terminkalenders nahtlos nachkommen können – Schule, organisierter Sport, mindestens ein Musikinstrument, Zusatzkurse, Nachhilfe – und ihre Freizeit zuhause vor dem Fernseher oder dem Computerbildschirm verbringen, entfremden wir sie von der realen Welt "da draussen" und sperren sie ein in eine enge, künstliche (d.h. menschengemachte) Welt, die ihnen genau das nimmt, was sie eigentlich erfahren sollen: Leben.

Wir zerstören genau das, was der Kern der Kindheit ist: Lebendigkeit. Das Ergebnis davon ist allseits bekannt, und es ist kaum die von den Eltern erhoffte größere Wettbewerbsfähigkeit ihrer Sprösslinge im internationalen Konkurrenzkampf! Im Gegenteil, das Ergebnis heißt "Natur-Defizit-Syndrom". Dessen Symptome sind vielseitig (und natürlich auch mit anderen Ursachen verquickt): Depression, Konzentrationsstörungen wie die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, ADHS, Stimmungsschwankungen, Fettsucht, Magersucht und Probleme bei der kognitiven Entwicklung. Ohne die Freiheit, die Wirklichkeit in einer natürlichen Umwelt zu erfahren, können Kinder nur schwer die grundlegenden emotionalen und kognitiven Fertigkeiten entfalten. Das Gehirn verkümmert. Ohne die Nähe zu Pflanzen und Tieren verschwinden ihre emotionale Bindungsfähigkeit, ihre Empathie, Fantasie, Kreativität und Lebensfreude. (3), (4)

Es ist nämlich so: Das Gehirn wächst und stellt neue interne Verbindungen her, wenn ein Kind Erfahrungen macht. Je komplexer die Umgebung, je vielfältiger seine Beziehungen, desto intensiver das kognitive Wachstum. Und bei jeder neu gebahnten Nervenverbindung schüttet das Gehirn beglückende Botenstoffe aus! "Und", so der Göttinger Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Huether, "je verschiedener ein Gegenüber ist, in dem sich ein Kind bei diesem Prozess spiegeln kann, um so vollständiger wird das Bild von sich selbst, um so tiefer geht die Selbsterkenntnis". (5)

Aber ist es nicht gefährlich draußen?

Neben der fast unwiderstehlichen Versuchung, die Computerspiele und elektronische Medien ausüben (verstärkt durch den Gruppendruck) sowie der Seltenheit von Naturfreiräumen im näheren Lebensumfeld liegt der Hauptgrund für die extreme Naturentfremdung der gegenwärtigen Kindergeneration in den Ängsten der Erwachsenen, die durch die Medien immer wieder neu genährt – und auf die Kinder übertragen werden!

  • Verkehr. Tatsächlich ein enormer Faktor, der die Kinder von den Straßen und in die Häuser vertrieb. 1971 durften noch zwei Drittel der englischen Kinder, die ein Fahrrad besaßen, dies auch auf der Straße benutzen. Um 1990 war es nur noch ein Viertel der Kinder. (3) Heute sind es noch weniger. Aber ist hier nicht etwas ganz grundlegend falsch? Die Enteignung des öffentlichen Raums wurde schweigend hingenommen, die Kinder wurden aus dem Tageslicht entfernt, weggeräumt aus dem öffentlichen Raum, der ihnen doch eigentlich genauso gehört wie den Autofahrern! – Aber wir sprechen hier ohnehin nicht von Straßen, sondern vom Spielen in Feldern und Wäldern.
  • Die "Natur" selbst. "Eine Zecke könnte mein Kind beißen! Ein Ast auf es herabstürzen!" Stimmt. Aber regen Sie sich ab! Gefahr ist ein Teil des Lebens, und Kinder müssen das lernen. Und werden es auch. Neurologisch, und spirituell, brauchen Kinder sinnliche Erfahrungen, die sie in Freiheit machen (d.h. außerhalb der elterlichen Kontrolle). Nicht mehr und nicht weniger. Zu dieser Freiheit gehört eben auch ein bisschen Risiko, und ein bisschen echte Gefahr. Wie Richard Louv, der Autor des US-Bestsellers Last Child in the Woods (deutsch: Das letzte Kind im Wald?, Beltz 2011) sagt: "Knochenbrüche gehörten bis vor gar nicht so langer Zeit zu den normalen Schritten ins Erwachsenenleben. Alles, was Kinderärzte heute zu sehen kriegen, ist Fettsucht und Fälle des Repetitive Strain Injury-Syndroms (RSI, "Verletzung durch wiederkehrende Belastung", wie etwa bei zu viel Computerarbeit)." (2) Krankenhäuser behandeln mehr Kinder, die aus dem Bett als von einem Baum gefallen sind.
  • Pädophilie und Kidnapping. Vieles davon ist (zum Glück!) wiederum Medien-Hype und Phobie. In den USA ist die Anzahl der Kindesentführungen in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gesunken. In Großbritannien mit seinen 11 Mio. Kindern werden pro Jahr durchschnittlich elf von Fremden ermordet – ein Anteil, der sich seit den 1970ern nicht verändert hat. (2) Das sind natürlich elf zuviel, aber man vergleiche dies mit der Zahl verkehrstoter Kinder! Man sollte außerdem nicht übersehen, daß weitaus die größte Zahl von Kindesmissbrauchsfällen zuhause (oder in anderen Häusern) stattfindet, und nicht etwa im "dunklen Wald".
  • "Schäden an der Natur". Die Zerstörung von Naturflächen ist nicht das einzige Problem. Dort, wo es noch Reste von "Natur" gibt, wie in Parks und Naturschutzgebieten, sind sie durch Zugangsverbote reglementiert und mit einem Schilderwald versehen: "Auf den Wegen bleiben!", "Nicht berühren!", "Kinder und Hunde verboten!". Diese "Ökophobie" der Erwachsenen hat die Natur für viele Kinder zu einem Museum gemacht, zu einer langweiligen Erwachsenen-Angelegenheit, zu etwas Zerbrechlichem, dem man lieber nicht zu nahe kommt, sonst schimpfen die Erwachsenen wieder. Also bleibt man doch lieber gleich zuhause an der Game-Konsole. Noch einmal Richard Louv: "Wir überfrachten die Kinder mit Weltuntergangsszenarios und anderen Ängsten. Unsere Sorge um die "Umwelt" zerstört die Beziehung der Kinder zur Natur."

Natürlich liegt nicht alles an den Eltern! Die Schulen müssen sich ebenfalls ändern, und zwar gewaltig! Ebenso Sicherheitsvorschriften und Versicherungsbestimmungen. Und Regierungsrichtlinien müssen bessere Vorraussetzungen schaffen für erreichbare und begehbare "Natur um die Ecke" innerhalb unserer – unleugbaren – urbanen Lebensweise. (Die Städteplanung hat tatsächlich mancherorts schon begonnen, wenn auch langsam, Natur in die Lebensumfelder zu integrieren.) Wir brauchen nicht nur Wildnis-Korridore für Tier- und Pflanzenarten, wir brauchen auch "Kinder-Korridore", in denen eine echte Kindheit wieder gelebt werden kann. "Wildnisplätze statt Golfplätze!" (6)

Was wir (Erwachsene!) endlich lernen sollten

  • Kinder mit (Elektronik- und Plastik-)Geschenken zu überhäufen, fördert nur den Konsumismus und ist keinerlei Ersatz für echte Zeit, die die Eltern mit ihren Kindern verbringen sollten – auch draußen.
  • Hunderte von Studien (3) belegen in seltener Eindeutigkeit: Natur spendet Kindern Lebenslust.
  • Natur lehrt das Staunen. Und stimuliert die natürliche Neugier und den Wissensdrang, die jedem Kind innewohnen.
  • Kinder kommen mit einem Überangebot von Vernetzungsmöglichkeiten im Hirn zur Welt, daher sollten sie möglichst vielseitig gefördert (und gefordert) werden. Am besten ist: Ein reichhaltiges Spektrum an unterschiedlichsten sinnlichen Erfahrungen. Das bietet am besten die Natur!
  • Natur lehrt auch, daß nicht alles machbar, nicht alles kontrollierbar ist. Das wiederum lehrt eine natürliche Demut – wie Albert Schweitzer sagt: "Hab Ehrfurcht vor dem Leben" – und beugt Versagensängsten und Minderwertigkeitsgefühlen vor.
  • Ein Kind fühlt sich dort zuhause, wo es als Entdecker und Kreativer Platz hat.
  • Im Wald ist jeder anders und trägt bei zum Ganzen des Waldes. Eine Basis für Gemein(schafts)sinn und sogar für die Bedeutung und den Sinn des Lebens wird gelegt.
  • Doch die wichtigste Erfahrung für das Kind ist die, daß es verbunden ist. Und daß es es etwas entscheiden kann in einer Welt, die Leben ausstrahlt. (7)

Unser Buch und diese Website sollen ein Beitrag sein zu dieser großen und wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe.

 


(1) Julia Llewelyn Smith: "Does your child have Nature Deficit Disorder?", Telegraph, 21. Juni 2009. http://www.telegraph.co.uk/health/children_shealth/5587636/Does-your-chi...
(2) John Henley: "Richard Louv: Let them climb trees", The Guardian, 5. Juni 2010. http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/2010/jun/05/nature-deficit-disord...
(3) Andreas Weber: "Kinder, raus in die Natur!", GEO 8/2010. http://www.geo.de/GEO/mensch/64781.html?p=1
(4) Graeme Paton: "The erosion of childhood: Children's health is being undermined by the pressures of modern life, warn 200 experts", Telegraph, 24 Sept 2010 http://www.telegraph.co.uk/education/educationnews/8784959/Childhood-bei...
(5) Gerald Hüther zitiert in (3).
(6) Diese exzellenten Formulierungen stammen von John Henley! Siehe (2).
(7) Die letzten fünf Punkte sind sinngemäß zitiert nach Prof. Dr. Gerald Hüther bei einem öffentlichen Podiumsabend in Berlin, 7. Sept. 2011.

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